Reisebericht Marokko 2005 / 2006 - Gerda Kleiner
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Reisebericht Marokko 2005 / 2006
Wir waren im vergangenen Winter mal wieder mit unserem Wohnmobil unterwegs.
 Unser Wohnmobil
Dieses Mal zog es meinen Mann Uli, unseren Hund Rocky und mich Richtung Süden nach Marokko. Da wir das Land nicht kannten und ich nicht wusste ob und wie ich mit meinem Rollstuhl da zurechtkomme, buchten wir eine geführte Reise durch das Land, die 4 Wochen dauern sollte. Marokko ist ein Königreich im Nordwesten von Afrika, dessen Staatsgebiet im Norden an das Mittelmeer, im Osten und Südosten an Algerien, im Süden an die Westsahara und im Westen an den Atlantik grenzt. Marokko hat ca. 32 Mill. Einwohnern verteilt auf 710 850 km2 (Deutschland 356 970 km2), die größten Städte sind Casablanca, Fes, Rabat, Marrakesch und Tanger. Die Bevölkerungsdichte im Land beträgt 70 Einwohner pro km2 (in Deutschland 231 Einwohner pro km2).
 Sanitär und Küche
Wir treffen uns am 18. Dezember auf einem Campingplatz in Südspanien mit den anderen Mitreisenden: 24 Personen in 12 Wohnmobilen und die Reiseleiter Doris und Rolf. Ich bin auf der Reise die einzige Behinderte, werde aber sofort in die Gruppe integriert.
 Sanitär und Küche
Am 20. Dezember fahren wir, morgens um 5 Uhr im Convoy nach Manilva, wo die Fähre nach Ceuta (Marokko) auf uns wartet. Die Überfahrt ist sehr stürmisch und es geht den meisten Passagieren auch dementsprechend mies. Komischerweise geht es mir gut und ich kann leicht amüsiert das Geschehen um mich herum miterleben.
 Aus- und Einstieg
Die Ankunft an der Grenze wird zum ersten Kulturschock. Die zwei Stunden dauernde Zollabfertigung geschieht in einem Gewimmel von Menschen, Fahrzeugen, Eselskarren und vielen Zollbeamten. Geldscheine in Reisepässen beschleunigen die Formalitäten. Glücklicherweise schleust uns unsere Reiseleiterin souverän durch das Chaos. Und dann, urplötzlich direkt hinter dem Grenzzaun stecken wir mittendrin im prallen marokkanischen Leben – in einem wuseligen Durcheinander von Uralt-Mercedes-Taxis mit hohen Dachlasten, doppelstöckig beladenen Peugeot-Pick-ups, von Autohupen und plärrenden Kofferradios, Männern in bodenlangen Kapuzengewändern, verschleierten Frauen, Hausrat- und Lastenbündeln in allen möglichen Verpackungen.

Wir fahren dann an der Atlantikküste entlang Richtung Süden. Es regnet immer wieder. Wir müssen uns zuerst einmal mit der ungewohnten Umgebung vertraut machen. Schmutz, Armut, bettelnde Kinder und armselige Behausungen machen uns betroffen und nachdenklich. Das Schlimmste ist das Nichtstun. Kein Geld zu haben ist schon schlimm, aber nicht wissen, wie man den Tag herumkriegt, das ist ganz elend. 30 Prozent der Bevölkerung haben keinen Job und von den Jugendlichen ist die Hälfte arbeitslos. In Marokko herrscht eine sechsjährige Schulpflicht, aber das bedeutet nichts. Kinderarbeit ist im ganzen Land noch weit verbreitet. Viele versuchen sich durch Betteln am Leben zu erhalten. Und dann kommen wir Touristen: unsere Wohnmobile – fahrbare Luxuswohnungen auf Rädern – wie müssen wir auf die Bevölkerung hier wirken? Jedes Jahr überschwemmen Tausende von Mobilreisenden ihr Land und führen ihnen ein Stück unerreichbares Leben vor. Habe sehr gemischte Gefühle.
Die Campingplätze sind teilweise total verdreckt, weit entfernt vom europäischen Standard. Duschen und Toiletten sind eher mit Kloaken zu vergleichen – für Rollstuhlfahrer nicht benutzbar. Auch sind die ersten Tage im Regen eine reine Nervenprobe, wenig Asphalt und überall der aufgeweichte Lehmboden, der an meinen Reifen klebt und mit jeder Radumdrehung mehr wird, lassen Uli fast verzweifeln.
Am 22. Dezember erreichen wir Marrakesch. Das Wetter noch nicht besser. Wir stehen auf einem Campingplatz in der Stadt. Werden am nächsten Morgen mit Kleinbussen abgeholt und zu einer Stadtführung ins Zentrum gefahren. Uli hebt mich auf den Beifahrersitz und ich erlebe eine typisch marokkanische Autofahrt. Mohammed, der Chauffeur, jongliert uns in einem schwindelerregenden Tempo durch ein Gewühl von Autos, Mopeds, Fahrrädern, Lastwagen, Eselkarren und Fußgängern. Es wird gehupt, geschimpft, mit den Fäusten gefuchtelt und gedrängelt, aber alles scheint eine gewisse Ordnung zu haben, denn es passiert nichts.
Mit einem Führer besichtigen wir „denn Platz der Geköpften“ El Fna und die Souks. Ein Labyrinth aus engen Gässchen mit mehr als 30.000 Handwerkern und Händlern in denen so richtig das Leben tobt. Wir begeben uns auf eine Wallfahrt der Sinne mit Musik, farbenreichen Tüchern, bunten Wollfärbereien, duftenden Gewürzständen und riesigen Obstständen durch diese malerischen Gässchen in denen sich ein Fremder so leicht verirrt. Die Souks werden so sehr geliebt weil sie nicht für Touristen gemacht sind, sondern eine der ältesten, noch existierenden orientalischen Institutionen sind. Im Souk kennen sich alle und hinter den Geschäftsfronten verbirgt sich ein kompliziertes Sozialgefüge.

Ich als Rollstuhlfahrerin werde von Verkäufern nicht angesprochen, andere fühlen sich manchmal von der aufdringlichen Art dieser Leute belästigt. Jeder kämpft hier ums Überleben – mit mehr oder weniger akzeptablen Mitteln. Auf jeden Fall ein tolles Erlebnis. Nur auf die Benutzung einer Toilette muss man auch hier verzichten, zumindest wir Frauen haben da echt das Nachsehen.
Behinderte haben im Islam eine Sonderstellung. Sie sind von Allah auserwählt und werden von ihm besonders beschützt. Ich wurde manchmal einfach nur berührt, anscheinend soll das Glück bringen. Auf der Straße haben wir allerdings selten Behinderte gesehen und wenn, dann bettelnd am Straßenrand. Von hier fahren wir wieder an den Atlantik, besuchen Essaouira, „die weiße Perle am Meer, dann Agadir und machen drei Tage Pause am Strand „Aglou Plage“ in der Nähe von Tiznit. Wir haben hier tolles Wetter, eine geflieste Promenade, parken auf einem Parkplatz vor dem Strandhotel und genießen die Sonne. Sitzen oft an der Promenade (fast ein Luxus mit dem Rolli hier auf den Fliesen fahren zu können), einige wenige verschleierte Frauen gehen in farbenfrohen Gewändern vorüber. Es reizt diese Momentaufnahmen auf Foto festhalten zu wollen. Doch der Islam ist generell bilderfeindlich und insbesondere Betende, verschleierte Frauen und das Landvolk reagieren schockiert und aggressiv auf Zudringlichkeit mit der Kamera. Auf keinen Fall sollte man Frauen von vorne fotografieren. Das bringt Unglück und ist außerdem ein tiefer Eingriff in ihre Privat- und Intimsphäre. Gewisse Regeln sollten wir Europäer in fremden Kulturen aus Respekt unbedingt einhalten.

Die Stellung der Frauen auf dem Land ist nicht so einfach. Auch wenn dem Analphabetismus unter der Regie des neuen Königs der Kampf angesagt wurde, so ist die Zahl der Frauen, die nicht lesen oder schreiben können, erschreckend hoch (sie liegt bei über 80%!) In den Städten zeigt sich da jedoch ein ganz anderes Bild. Hübsche Mädchen und Frauen, unverschleiert und nach der neusten Mode gekleidet, unterscheiden sich kaum von Europäerinnen. Diese Vielseitigkeit der Lebensformen lässt mich immer wieder staunen. Endlich erreichen wir den von mir am sehnlichsten erwartete Teil der Reise: es geht ins Inland Richtung Wüste. Wir fahren durch das „Tal der Ammeln“. Hier lebt ein Berbervolk das sehr fleißig und anspruchslos ist, aber überaus geschäftstüchtig und freundlich. Die alten Gebäude kleben an bis zu 2.400 m hohen Felswänden – eine grandiose und bizarre Landschaft die uns tief beeindruckt und sehr klein werden lässt. Es sind unvergessliche und kaum beschreibbare Eindrücke die uns dieses Land bietet. Doch selbst hier fährt man auf gut ausgebauten Straßen und dieses Straßennetz zieht sich mittlerweile durch ganz Marokko. Selbst die wichtigsten Pässe im Atlasgebirge überquert man problemlos und auf einer teilweise mautpflichtigen Autobahn ist man schnell durch das Land unterwegs. Nach dem Besuch der Daddes- und der Todraschlucht fahren wir entlang der „Straße der Kasbahs und bleiben bei der Kasbah „Ait Benhaddou“.
 Daddesschlucht Todraschlucht
Hinter den Wehrmauern eines solchen Stampflehmdorfes, früher meist nur von einer einzigen Sippe bewohnt, drängen sich die mehrstöckigen Wohnhäuser auf engstem Raum. Farblich kaum von der braunen Lehmlandschaft zu unterscheiden, boten sie früher den Menschen guten Schutz gegen Eindringlinge und Feinde.

Wie Perlen an einer Schnur reihen sich an dieser Straße, in großem Abstand, mehrere Kasbahs hintereinander. Leider ist es mit dem Rollstuhl nicht möglich, diese engen, steilen, mit Treppen und Stufen verbauten „Burgen“ zu besichtigen. Aber allein schon der Anblick aus der Ferne ist für mich unbezahlbar.
Dann erreichen wir den kleinen Wüstenort „Merzouga“ am Westrand des Dünengebietes „Erg Chebbi“. Hier ist man wirklich in ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht zurückversetzt. Wir übernachten an der Herberge „Chez Moha“ und fühlen uns wie verzaubert. Während die anderen der Reisegruppe zu Fuß und auf Dromedaren die Gegend erkunden, kann ich das Ganze in einem Auto mit Führer erleben.

Am nächsten Tag geht es auf eine fünf Stunden dauernde Jeepsafari in die Wüste. Dieses Abenteuer ist eine harte Belastungsprobe für meine Bandscheiben und mein Rücken wird sehr in Mitleidenschaft gezogen.

Wir besuchen ein Dorf, werden dort zum Tee eingeladen während Einheimische für uns Musik machen, treffen auf Nomaden die uns mit Brot verwöhnen.

Es geht ein unbeschreiblicher Zauber von der Wüste aus, sich ständig ändernde Sanddünen, wechselnde Farben im Licht der Abendsonne und eine friedenstiftende Ruhe die einen umgibt.

Hier soll auch das Flugzeug von Antoine de Saint Exupery liegen mit dem er hier in der Wüste abgestürzt sein soll:

„Das ist für mich die schönste und traurigste Landschaft der Welt. Hier ist der kleine Prinz auf der Erde erschienen und wieder verschwunden. Schaut diese Landschaft genau an, damit ihr sie wiedererkennt, wenn ihr eines Tages durch die afrikanische Wüste reist. Und wenn ihr zufällig da vorbeikommt, eilt nicht weiter, ich flehe euch an – wartet ein bisschen, gerade unter dem Stern! Wenn dann ein Kind auf Euch zukommt, wenn es lacht, wenn es goldenes Haar hat, wenn es nicht antwortet, so man es fragt, dann werdet ihr wohl erraten wer es ist. Dann seid so gut und lasst mich nicht weiter so traurig sein: schreibt mir schnell, wenn er wieder da ist …
Marokko ist ein spannendes, sehr lebendiges Land. Für Rollstuhlfahrer jedoch nicht unbedingt ein Traumurlaubsland. Es gibt sicher einige Hotels oder Ferienanlagen in denen man zurecht kommt, jedoch nicht mit unserem Standard zu vergleichen. Wer durch das Land reisen will, sollte dies möglichst im eigenen Wohnmobil oder Wohnwagen tun. Es ist gut wenn man da auch nicht von den einheimischen Sanitäranlagen abhängig ist. Impfungen sind für die Einreise nicht erforderlich, wir haben uns allerdings gegen Grippe und Hepatitis impfen lassen. Außerdem sollte man beim Essen etwas vorsichtig sein, „Montezumas Rache“ kann einem sonst den Urlaubsspaß verderben. Ich habe auch das Buch von Muriel Brunswig „Kulturschock Marokko“ zur Einstimmung gelesen, das ich nur sehr empfehlen kann.
Für weitere Fragen stehe ich gerne zur Verfügung. Gerda Kleiner Tel. 07621 / 82 2 82 E-Mail: gerda.kleiner@t-online.de
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